Das Reiskorn

Teil I – Ein sicherer Hafen | Februar 23, 2010

Jetzt habe ich Zeit.

In Chemnitz in letzter Sekunde den Zug geentert, der Christina und mich nach Leipzig und von dort nach Berlin der ersten Station meines Aufbruchs bringen sollte. Kaum haben wir in der Hauptstadt unser Quartier für die Nacht bezogen, schwingen wir uns bereits erneut auf eine Bahn, um pünktlich dem kulturellen Höhepunkt des Kalendermonats beizuwohnen. Ich bin untröstlich, mich auch bei diesem Besuch hauptsächlich zum Schlafen im Hause Kieselbach und Co.Kg aufgehalten zu haben.

Es war eine famose Zusammenkunft – sowohl im Publikum als auch auf der Bühne. Viele freundliche, bekannte Gesichter, Menschen die ich lange nicht gesehen, die ich lange nicht sehen werden – ein Abend, der sich für mich zu einer wundervollen zweiten Abschiedsfeier entwickelte. Natürlich ist nicht nur das gemeine Volk von Interesse, auch auf der Bühne spielt sich erstaunliches ab. Ein Erstling die sich wacker schlägt, ein Virtuose des schlechten Humors, der Pöbel vor Lachen zu seinen Füßen und ein Meister des Gesprochenen Wortes, den Zynismus in den Fingerspitzen, das Makabere im Blick. Frohen Mutes, wenn auch von Müdigkeit gebeutelt, führen uns unsere Schritte nach diesen Darbietungen zurück auf den Schöneberg.

Jetzt habe ich Zeit.

Hektisch werfen Christina und ich unsere, gut vornehmlich meine Sachen zusammen, alles wandert ziellos in eine große Tasche, Ordnung schaffen kann man zu anderen Zeiten. Es gilt einen Zug zu erwischen. Eigentlich wollen wir beide, dass ich nicht einsteigen müsste – jetzt könnte ich noch umkehren, jenem Abenteuer, das in der Ferne auf mich wartet, den Rücken kehren, und manch anderer hätte womöglich genau das getan. Falsch wäre eine solche Entscheidung gewiss nicht gewesen. Aber ich bleibe in meiner Spur und lasse in Berlin Südkreuz, gerade noch zusehen durch graue, verdreckte Zugtüren, eine frische Liebe zurück. Mit mir fährt allein die Hoffnung, sie in wenigen Monaten wieder so in die Arme schließen zu können, wie ich sie jetzt zurückließ.

Home sweet home.

Auch bei diesem kurzen Besuch ist eigentlich alles wie immer, wenn ich die heimeligen Hallen meines Elternhauses betrete. Das Essen ist exzeptionell lecker, das Bett gemacht, der Kater konstant am verhungern – auch wenn er gerade frisst und ich gehe ein wenig reicher als ich gekommen bin.

Jetzt habe ich Zeit.

„In 5 Minuten müsst ihr los.“ Eigentlich sollte ich nun in Hast das Packen meiner Sachen, das letzte Mal auf dieser Reise, dass ich meine Sachen packe, beenden, aber ich bin die Ruhe selbst. Die Teile liegen geordnet vor mir und müssen nur noch zusammengefügt werden. Den Zug, wieder einen Zug, werden wir schaffen. Als meine Mutter mich auf Gleis 13 des Berliner Hauptbahnhofes zurück lässt, um selbst ihre Rückfahrt noch zu erreichen, wird mir das erste Mal etwas mulmig in der Magengegend. Diese Situation ist anders als das Normale – ich verabschiede meine Mutter doch nie auf Bahnhöfen.

Meine letzte Nacht auf diesem Kontinent verbringe ich im Nirgendwo. Hier wo ich vor einem halben Jahr den Eingang in den Kreis der Schwärmer fand, wird mir nun erneut liebenswürdige Gastfreundschaft zu teil. Der Dienstwagen, der mich zum Flughafen bringt, hat für einen effektvollen Auftritt leider eine zu zivile Präsenz. Immerhin kann ich nun davon berichten, diese letzte Strecke mit Polizeieskorte bestritten zu haben.

Jetzt habe ich Zeit.

Viereinhalb Stunde bis zu meinem Aufbruch nach Peking und diese Zeit will ich nutzen, den Vorsatz anzugehen, das Versprechen einzulösen über das Abenteuer, das in der Ferne auf mich wartet, Bericht abzulegen – koste es mich auch ein Vermögen, investiert in Starbucks-Getränke.

An dieser Stelle möchte ich mich noch bei all den lieben Menschen bedanken, die es ein wenig gegrämt hat mich ziehen zu lassen – ihr habt mich nicht hier halten können, aber dank eurer freue ich mich jetzt schon auf meine Rückkehr.


Veröffentlicht in Reise

Kommentar verfassen »

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

    Eine kleine Reise durch das Land der Morgenstille
    Februar 2010
    M D M D F S S
    1234567
    891011121314
    15161718192021
    22232425262728

    Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

    Schließe dich 3 anderen Followern an

%d Bloggern gefällt das: