Das Reiskorn

Teil V – Der Gott der kleinen Dinge

Februar 28, 2010
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Um einen gewissen Kontrast zum gestrigen kulinarischen Inferno zu geben, möchte ich berichten, dass es mir heut gelungen ist, mir eigenständig ein Schnitzel zu erjagen, serviert zusammen mit Reis, Kohl, Kim Ch’i und Suppe. Lecker wars – und Schoko-Erdnuss Eis gab es zum Nachtisch. Darüber hinaus begegnete mir an diesem Tage der erste Koreaner mit Pferdeschwanz. Ich bin nicht allein!

Warum ist das eine so herausragende Besonderheit? Nun man verbringt viel Zeit in der Metro auf dem Weg von Incheon nach Seoul und irgendwann kam ich nicht mehr umhin die Uniformität meiner Mitreisenden zu bemerken. Damit meine ich nicht (oder zumindest nicht allein) die allgemeine Ignoranz des Europäers gegenüber der asiatischen Physiognomie, denn keinesfalls finde ich, dass die Gesichter meiner Mitmenschen alle gleich aussehen, nein es fiel mir lediglich auf wie gering die Bandbreite an vorherrschenden Frisuren oder Kleidungsarten ist. Es fehlt praktisch völlig an Subkulturen. Im Vergleich zum Beispiel mit einer Reise durch Berlin wird man hier völlig vergebens nach Punks, Hip-Hoppern, Gothics, Metalern, Indies oder auch Skinheads suchen. Natürlich hat hier außerdem jeder schwarze Haare und dunkle Augen, dafür können sie nichts, aber es verstärkt dennoch den Eindruck der Gleichförmigkeit. (Mir kam in diesem Zusammenhang der interessante Gedanke, dass eben nicht die einheitliche Haar- und Augenfarbe hier in der Kante außergewöhnlich ist, sondern vielmehr der (Nord)europäische Hang zur Vielfarbigkeit im Kopfbereich eine Besonderheit darstellt. Wo sonst auf der Welt, außer im sehr bunt besiedelten Amerika, gibt es mehr als eine vorherrschende Haarfarbe? Und dieser bunte Haufen hat die fanatischsten … der jüngeren Weltgeschichte hervorgebracht.)

Während der Fahrt mit der Metro kann ich mir also in zweifacher Hinsicht wie ein Paria vorkommen. Nicht nur bin ich als Europäer selbst hier in der Großstadt auffällig wie ein bunter Hund (oder wie ein stark pigmentierter Mitbürger in Chemnitz‘ Straßen), meine langen Haare und mein Bart (die Männer hier sind ALLE nicht richtig angezogen) sind fast noch auffälliger als meine Herkunft. Aus diesem Grund traute ich meinen Augen nicht ganz, als mir heute dieser junge Herr mit einem Haargummi in der Mähne über den Weg lief und musste mich sogleich noch umdrehen, um mich des Anblicks zu vergewissern.

Für das deutsche Gemüt zunächst ungewohnt ist der umfassende Service eines koreanischen Kaufhauses. Selbst in den kleineren Zweigstellen sind eine Reihe Leute zunächst einmal nur hauptberuflich damit beschäftigt freundlich zu sein. So stehen an jedem Kasseneingang mindestens zwei fein herausgeputzte Herren, die jeden neuen Kunden mit einer Verbeugung begrüßen. Darüber hinaus finden sich in der Lebensmittelabteilung dutzende kleiner Stände, an denen, vornehmlich Frauen, dem vorbeischlendernden König Kunde Teile des Sortimentes zur Verkostung anbieten. Mit einem ausreichenden Maß an Dreistigkeit kann man so einen Laden hungrig betreten und satt wieder verlassen. Über so eine Kostprobe bin ich übrigens auch in den jüngst Beschriebenen Genuss von getrocknetem Seegras gekommen. Dieser Einblick in das hiesige Nahrungsmittelangebot ist sehr hilfreich, leider ziehen die besonders leckeren Stände mitunter dermaßen viele Menschen an, dass zeitweise auf den Gängen kein durchkommen mehr ist.

Beim Schlendern durch die öffentlichen Gebäude dieses Landes konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei den Koreanern um ein sehr ungeschicktes und von seiner eigenen Ungeschicklichkeit schwer bedrohtes Völkchen handelt. Und das wo doch unser eigener öffentlicher Raum gewiss nicht arm an Hinweisschildern ist. Was ich in der letzten Woche nicht alles über die Benutzung von Rolltreppen gelernt habe! Nicht nur informieren eine Reihe Piktogramme über die Tücken der Benutzung eines solchen Gerätes (Bitte den Handgriff benutzen, bitte nicht mit Absatzschuhen oder Regenschirmen stecken bleiben, usw.), dessen Stufen außerdem in hübschem Signalgelb umrahmt sind, auch macht auf den meisten Metro-Bahnsteigen ein kurzes Video deutlich welche Tätigkeiten auf Rolltreppen bitte tunlichst zu unterlassen sind: einschlafen, hinsetzen, den Vordermann schubsen, ect… Die Lautsprecherhinweise hingegen, die bei der Einfahrt jeder Bahn auffordern den aussteigenden Passagieren den Vortritt zu lassen, würde man sich in Deutschland bei mancher Reise auch wünschen.

Die meisten Koreaner ziehen es übrigens vor in der Rush-Hour für die Rolltreppe anzustehen, anstatt auf die klassischen Stufen auszuweichen. Wer zu weniger geschäftigen Zeiten auf altertümliche Weise Höhenunterschiede überwindet, hat sowieso einen an der Waffel.


    Eine kleine Reise durch das Land der Morgenstille
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