Das Reiskorn

Teil VII – Orientierungslos | März 4, 2010

Gestern war ich zum ersten Mal verwirrt. Da hat der Foreign Students Orientation Day ja genau seine Aufgabe erfüllt. Gut, dass ich nicht wusste, wo das Event steigen sollte, muss ich mir wohl (mal wieder) auf die eigene Kappe schreiben. Im Office for International Affairs ist man aber als Nicht-Koreaner niemals wirklich falsch – und so fanden wir mit bestimmt satten 15 Minuten Verspätung (not my fault!) unseren Weg zur kleinen Aula.

Zum Thema Verspätung hier ein kurzes Wort: Ich liebe dieses Land. Gestern allein habe ich erst 10 Minuten auf Minki in der Wohnheim Lobby gewartet und dann noch einmal min. 15 auf Miss. Kim im OfIA bis sie endlich zum Abmarsch bereit war – in diesem Land kann ich als pünktlich gelten! Was ein erhabenes Gefühl.

Welch ein Glück Minki an meiner Seite zu wissen, denn den kompletten Zirkus, der sich in der kommenden Stunde vor unseren Augen abspielte, hielt man vollständig auf Koreanisch ab. Als Chinese hätte man noch eine Chance gehabt, da für sie noch teilweise übersetzen ließ. Von den spannenden Begrüßungsworten über die Regeln des Wohnheims (Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine warmen Mahlzeiten im Zimmer, kein Sex, keine Besucher des anderen Geschlechts und um 12 geht das Licht aus – was für Spaßbremsen, ich sage es euch) bis zu den mahnenden Worten der Polizeidirektion Incheon (Kinder: Nicht besoffen Auto fahren!) bekam ich also nur bruchstückhaft etwas mit – viel Wichtiges kann aber nicht gesagt worden sein, Minki hielt wenig für übersetzenswert. Als besonders erheiternd empfand ich den universitätseigenen Propagandafilm (ich glaube Neudeutsch heißt das „Werbung“…), bei dessen Konsum ich mich stetig fragte, warum sie uns das noch zeigen? Wir sind doch schon hier und gerade für uns gibt es zunächst keinen Weg zurück. Wir laufen schon nicht weg, nicht sofort zumindest.

So habe ich also (mal wieder) erfahren, an was für einem vorzüglichen Campus ich die Ehre haben werde, das nächste halbe Jahr zu studieren. Schick sieht er ja schon aus, perfekt neue Gebäude, Multimedia und moderne Technologie an jeder Ecke und das unterirdische Parkhaus ist sicher auch sehr praktisch – von Autos und Verkehr merkt man jedenfalls nichts. Auch das Freizeitangebot kann sich sehen lassen, dutzende Sportmöglichkeiten, von der einfachen Sporthalle, über den Fitnessraum im Wohnheim über einen eigene Schwimmhalle und sogar einer Golfanlage (und für alle denen das noch nicht reicht ist gleich nebenan der größte Golfplatz der Stadt). Wer sich hier umschaut, kann leicht beginnen grundsätzlichen Gefallen an Studiengebühren zu finden. Aber natürlich ist nicht alles Gold das glänzt.

Meine erste richtige Vorlesung fiel eher ernüchternd aus. Gut, dass alle, die Dozentin mit eingeschlossen, es vorziehen würden sich auf Koreanisch zu unterhalten, wenn der blöde Ausländer nicht wäre, kann man ihnen noch nachsehen. Tatsächlich beschleicht mich der Eindruck, man würde mehr als doppelt so viel Stoff vermitteln, wäre man nicht an das Englische gebunden. Bei Beantwortung einer gegen Stundenende gestellten Frage, legte sie jedenfalls in ihrer Muttersprache ein Tempo an den Tag, in heftigem Kontrast zu dem schleppenden, von vielen „ähs“ durchzogenen und sich häufig im Kreis drehenden Vortrag der vorangegangenen Stunde.

Wäre nun der Inhalt stimmig, erhellend und intelligent gestaltet, keine Kritik würde über meine Lippen kommen. Leider ist aber unser Lehrmaterial hoffnungslos veraltet. Das Beispiel in der Einleitung bezog sich auf den Irak-Krieg… den ersten Irak-Krieg! Das Ding ist so alt, es befindet sich schon längst nicht mehr im Druck, weswegen es uns kopiert wird. Seine Begründung findet dieses Alter in der Unfähigkeit/dem Unwillen der Dozentin einen gleichwertigen, aktuellen Ersatz zu finden – nein nicht über Rosenzucht im Buthan sondern über amerikanische Wirtschaftspolitik! Gut, das könnte man verstehen, so denn der Inhalt von einem exzeptionell kritischen Geist verfasst worden wäre, aber in diesem Machwerk findet sich nur der gleiche gequirrlte Quark, der seit Jahrzehnten die Wirtschaftlehre verpestet. (In dem was nun folgt, spiegelt sich meine Indoktrination durch einen gewissen F. Helmedag wieder) Das geht bei dem Versuch los, ein Bild davon zu entwerfen, worin eigentlich der Gegenstand dieser Wissenschaft ist. Da die Autoren die beliebteste Definition von „der optimalen Disposition über knappe Mittel“ als zu wenig greifbar bei Seite schieben, greift man auf eine Aussage Alfred Marshalls zurück, der „economics“ als „study of mankind in the ordinary buisness of life“ beschrieb. Wenn dem so ist, dann sei mir die Frage erlaubt: Was machen Ökonomen nicht?

Nach diesem misslungenen Start wurde es bei dem Versuch, sich ein theoretisches Fundament zu erarbeiten auch nicht besser. Es ist schon erstaunlich, da befindet man sich tausenden Kilometer von zuhause, auf der anderen Seite des Erdballs und man füttert die Leute hier mit dem gleichen Schwachsinn, den auch in Europa schon Generationen von Studenten ihren Professoren bei Prüfungen vor die Schuhe kotzen durften. (Vielleicht sollte ich einen extra Blog eröffnen: Peter’s rant about stupidity in economics 😉 ).

Ein Beweis überragenden Organisationstalentes wurde mir ein letztes Mal gestern Abend geboten, als man bereits mitten in der Nacht beschloss die Internatsbewohner darauf hinzuweisen (ihr erinnert euch, mein Zimmer spricht mit mir), dass man sich noch darauf ersonnen hätte, rasch die Essensmarken für die kommende Woche auszugeben.

Da kann es außen noch so schön blinken und glitzern, wenn im Inneren die Kompetenz fehlt, hat man mit dem hübschesten Campus auch nichts gewonnen.


Veröffentlicht in Universitätsbetrieb

1 Kommentar »

  1. Alter klabauter, kein sex, kein Alkohol und um Mitternacht is der tag schon rum??? bist du im knast gelandet oda wat??
    ick würd ja ma voll austicken und mit absicht die regeln missachten!!!
    Aber sei froh, dass sie ihr Wissen nicht aus’m Manifest der Kommus ziehen ;o)
    Aber endkrass isses dennoch, ein mind. 18 jahre altes lehrbuch… Wahnsinn!!!

    Kommentar von der Sebbo — März 4, 2010 @ 9:19 pm


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