Das Reiskorn

Teil IX – Loblied auf die Ärzteschaft | März 17, 2010

Ich hätte gern ein T-Shirt, auf dem steht: „Ich wurde mit Nadeln penetriert, vermessen und verstrahlt…“ und auf dessen Rückseite zu lesen ist „… und habe dafür auch noch bezahlt.“ – Ob es sich bei dieser Trophäe dann um zur Schaustellung idiotischen Heldenmutes oder heldenmutiger Idiotie handelt, sei dem Leser selbst überlassen.

Es beginnt damit, dass der Bus, welcher uns am Montag Morgen deportieren soll Verspätung hat. Über die obskuren Wege, über die an diesem Ort Informationen laufen, hat sich immerhin das Gerücht verbreitet, die Abfahrt würde eine halbe Stunde später erfolgen, wir warten somit nicht ins Blaue hinein. Wir, das sind neben meiner Person noch alle neuen Franzosen, der Spanier und ganz, ganz viele Chinesen. Alles in allem so viele, dass eine Auswahl Glücklicher den Transport über mit Stehplätzen im Gang Vorlieb nehmen muss. Mir bleibt das erspart und so nutze ich meine privilegierte Stellung um von meiner Nachbarschaft das zu sehen, was mir bei Reisen mit der U-Bahn (kann man mit der U-Bahn reisen? Ich finde schon, dass die 2 Stunden nach Seoul gut und gerne als Reise durchgehen – immerhin ist man zum Beispiel aus Chemnitz weit fixer in Leipzig oder Dresden) sonst verborgen bleibt. So viel Platz nur vollgestellt mit Immobiliengerümpel und trotzdem ziehen sie es vor neues Land aufzuschütten, anstatt das alte platzsparend zu bebauen. Ich möchte ja gerne glauben, dass man die Möglichkeit eines steigenden Meeresspiegels bereits mit einbezogen hat, nur kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass Stadtplanung hier eher nach italienischem Vorbild erfolgt und Geld weitaus bestimmender ist als gesunder Menschenverstand.

Der Versuch sich die Strecke einzuprägen scheitert kläglich und nach einer Stunde Fahrt erreichen wir, unwissend unseres genauen Aufenthaltsortes, das Krankenhaus. Da das hier kein normaler Arztbesuch ist sondern mehr ein Behördengang hält man uns zunächst zum Warten, dann zum Ausfüllen von Formularen, die wir nicht lesen können, dann wieder zum Warten, dann umgerechnet ca. 22 Euro zu Blechen und dann erneut zu Warten an. Langsam geht es auf Zwölf zu und wir haben alle noch nichts gegessen, da von uns ein Erscheinen im nüchternen Zustand verlangt wurde. Irgendwann dürfen wir doch noch Schlange stehen. Das eigentliche Arztgespräch ist besonders lächerlich, einfach beharrlich den Kopf schütteln und egal was die Frage ist, immer verneinen. Nein, alles nie gehabt und nie genommen. Nebenan nimmt ein anderer Weißkittel Blutproben im Minutentakt, aber vorher drückt man mit noch einen kleinen Pappbecher in die Hand. Der ist leer und ich soll auch nicht daraus trinken. Spätestens jetzt fangen die Ersten meiner Begleiter an zu zittern, in nebliger Erinnerung daran, was sie sich daheim noch alles einverleibt haben. Final schenke ich ihnen noch eine Aufnahme der Innereien meines Brustkorbs.

Im Krankenhaus etwas Essbares zu Erjagen zu wollen stellt sich als nicht machbar heraus, bevor uns der Bus wieder alle aufliest und wir die Rückreise ins Wohnheim antreten. Aus dem Regen in die Traufe könnte man sagen, wenn man sich das abstruse Regelgerüst anschaut mit dem ein von Unfähigkeit geschlagenes Personal versucht Herr über die Verschlagsbewohner zu werden. Ich will euch jedoch von meinem verbitterten Gezeter verschonen, bin ich doch zum einen den Regeln noch nicht zum Opfer gefallen und will ich euch doch bald ohne weitere Worte jenes Moralkorsett präsentieren, vor dem selbst katholische Mädchenschulen mit Ehrfurcht zurückweichen.


Veröffentlicht in Reise

1 Kommentar »

  1. Nachträglich alles Gute zum Geburtstag und keep up the good work! Schön zu lesen, was du da schreibst. Liebe Grüße aus dem frühlingshaften Thüringen!

    Kommentar von Dina — April 5, 2010 @ 12:53 pm


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