Das Reiskorn

Teil XI – Kinderr, müssen lernen, lernen, lernen! | April 18, 2010

Im Leben eines jeden Koreaners gibt es einige wenige wichtige Tage, entscheidende Momente für seine Zukunft, richtungsweisend für alles was danach kommen möge. Sicher auch bei uns gibt es sie, jene Begebenheiten, die Hochzeiten oder Scheidungen, die ersten Male und die letzten Male, die einmaligen Gelegenheiten, die Angebote die man nicht ablehnen kann, nach denen sich augenscheinlich oder tatsächlich alles ändert, die noch über Jahre nachwirken. Darin unterscheiden sich die beiden Kulturen keinesfalls, nur für die jungen Menschen hier sind da noch andere, bedeutendere Tage, die ganze Jahrgänge gemeinsam durchstehen müssen.

Final exams.

Die Abschlussprüfungen von Schule und Universität legen nämlich sehr genau fest, wie weit man es in Koreas Gesellschaft noch bringen wird. Koreanische Universitäten befinden sich in einer klaren Hierarchie und es gehört zum Allgemeinwissen eines jeden hier, welche von ihnen die Beste ist – und das Erstaunliche dabei: alle sind sie der selben Meinung! Infolgedessen sedimentieren sich die Studenten an allen Universitäten nach ihrem ‚Abi’schnitt – alle Eins-Nuller gehen an die Korean University, mit einer 2,7 schafft man es womöglich noch nach Incheon.

Unter Koreanern ist ihre Uni aber so ähnlich wie eine zweite, sehr, sehr weit verzweigte Familie und aus jedem Fremden macht die Erfahrung, die selbe Hochschule geteilt zu haben, augenblicklich einen Freund und Vertrauten. Verbindungen die sich natürlich auch in der Arbeitswelt niederschlagen, wo sich daher die Sedimentation der Universitäten fortsetzt. Ein selbsterhaltendes System, welches nicht zwangsläufig nur Qualität hervorbringt.

Nichtsdestotrotz macht die Mehrzahl der Jugendlichen ihre gesamte Schulzeit nichts anderes, als sich auf diesen einen Test vorzubereiten. Und wie sie vorbereitet werden! Wenn zukünftiger Erfolg oder Scheitern sich so glasklar von einer Punktzahl ablesen lassen, tun Mama und Papa alles um aus ihrem Sprössling ein überragendes Ergebnis zu kitzeln. Räuber und Gendarm Spiele gehören nicht zwangsläufig dazu. Tatsächlich heißt das zu lernen, ganz viel zu lernen. Vor der Schule, nach der Schule, in Nachhilfeklassen oder im Einzelunterricht. So viel zu lernen, dass während der eigentlichen Schulzeit gerne geschlafen wird.

Korea verfügt über ein in der Theorie hervorragendes Bildungssystem. Denn Bildung genießt einen hohen Stellenwert nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der praktischen Politik. Gutes Geld fließt in das System, die Lehrer sind sehr gut qualifiziert, die Ausstattung mit Lehrmitteln kann sich sehen lassen. Nichtsdestotrotz ist man mit dem eigenen System unzufrieden, berechtigt unzufrieden, aber erhöhte Ausgaben für Bildung konnten daran bisher substanziell nichts ändern.

Was passiert ist folgendes. In Vorbereitung auf jenen einen, alles bedeutenden Test lassen viele Eltern ihre Kinder bereits sehr zeitig an zusätzlichem Unterricht teilnehmen, an privaten Nachhilfeschulen oder im (sehr kostspieligem) Einzelunterricht. Dort lernen die Kleinen dann von Tutoren, die anders als die Lehrer in öffentlichen Einrichtungen keinen weiteren notwendigen Qualifikationen unterliegen, Dinge, welche erst weit später in der Schule relevant werden. Außerdem wirkt der tägliche Marathon von Nachhilfe über Schule und Sport zu Hausaufgaben und womöglich noch etwas Freizeit schwer erschöpfend. Letztendlich sitzen also in den Klassenräumen dieser Nation Heerscharen unterforderter, aber übermüdeter Kinder, deren Wissen in testrelevanten Gebieten überragend aber darüber hinaus erschreckend limitiert ist und lassen sich von gut bezahlten, gut ausgebildeten Lehrkräften in den Schlaf säuseln.


Veröffentlicht in Andere Sitten

1 Kommentar »

  1. Da hab ich ja schon Glück. Ich bekomme für meine Unterforderung immerhin Geld 😉

    Kommentar von Franziska — April 19, 2010 @ 6:32 am


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