Das Reiskorn

Teil XII – Da ist ein Monster in meinem Zimmer | April 28, 2010

„Ich sah diesen Mann
Irgendwann im Zoobistro
gleich neben dem Affenhaus
Er war stark behaart
Riesenbart und er sah
fast wie ein Affe aus“

– Die Prinzen: ‚Ich mag Frauen‘

Mein Mitbewohner, nennen wir ihn… Horst. Eine Namenswahl, die ihn jetzt keinesfalls mit seinen Namensvettern Horst Köhler assoziieren möchte. Weder verfügt er über die vertrottelte Absonderlichkeit eines Guido Horn, noch zeichnet ihn die staatstragende Bedeutsamkeit (mancheiner würde sie als Schlichtheit falsch verstehen) eines Bundespräsidenten aus.

Dieser Mitbewohner also erfüllt wohl so ziemlich jedes Klischee, dass am (deutschen) Manne jemals zu beobachten war. Solche Charaktere inspirieren Lieder, ach wegen Männern wie diesem wurde der Feminismus erst erfunden. Denn, ganz ehrlich, es sind doch keine politischen Themen mit denen man eine hunderttausendfache Bewegung auf der ganzen Welt initiieren kann. Es sind die Grauen des Alltags, der Wunsch sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr ekeln zu müssen.

Nach dem gleichen Muster kam mir die Idee diese Abrechnung zu schreiben zwar aufgrund der Empörung über sein ignorantes Verhalten gegenüber anderen, letztendlich hingesetzt und sie doch verfasst habe ich aber angesichts der unfassbaren Egozentrik, die ich in eben jenen eigenen (und sehr, sehr engen) vier Wänden beobachten konnte.

Beware - someone is not amused

Beware - someone is not amused

Seine Grundattribute sind rasch zusammengefasst. Er stinkt, abwechselnd mal nach Rauch (er raucht nicht wenig, aber immerhin nicht im Zimmer oder auf der Toilette, soviel sei ihm zu gute gehalten), mal nach Suff oder mal nach den Schweißmauken, mit denen seine über die Bettkante hängenden Füße nach Duftbaummanier unsere fünf Quadratmeter Beschaulichkeit parfümieren. Dann und wann garniert er dieses Duftgemisch mit den Ausdünstungen nach sportlicher Betätigung – ein Odeur welches er mitunter tagelang nicht unter Zuhilfenahme von Wasser ablegt. Dafür ist der Griff zum Deodorant ein naheliegender. So sehr dies dafür geeignet sein mag die eigenen bad habbits zu übertünchen, als Sauerstoffersatz macht es eine ganz schlechte Figur.

*hust*

Ansonsten zelebriert er es, seine sehr persönliche Palette akustische Töne zu erzeugen – das Schmatzen, Rülpsen und Furzen beherrscht er geradezu meisterhaft. Doch auch des Nachts wird es nie langweilig, denn dieser Mann kann schnarchen, dass es ein Regenwald mit der Angst bekommt. Umso intensiver je mehr er gesoffen hat. Man mag es vermutet haben, er säuft gern und viel. Er gehört zu jenem Schlag Menschen der augenscheinlich ein Gefühl der Befreiung dabei empfindet sich in einem Schleier von Alkohol zu verlieren. Unsere sehr unterschiedlichen Schlafgewohnheiten sind dafür recht unproblematisch, dank Ohropax – gegen das Schnarchen hilft manchmal aber nur ein festes Rütteln am Bett gegenüber.

Das er sich primär für Fußball und Autos begeistern kann, komplettiert das Bild lediglich. Wobei, so eine Ballsportfan, der will natürlich kein halbes Jahr auf seine elf Freunde in Aktion verzichten. Ein Bedürfnis, das nicht immer ganz spurlos an seinen Mitmenschen vorbei geht.

Jene Leidenschaft für das runde Leder teilt er mit dem Spanier der Gruppe. Dessen Zimmer verfügt über einen immensen Standortvorteil: einen deutlich jüngeren, koreanischen Mitbewohner.

Die Sozialstruktur in Korea teilt alle Mitglieder der Gesellschaft nach ihrem Alter in eine strenge Hierarchie. Selbst unter Freunden ist es üblich, sich vor den Älteren zu verbeugen, die erste Frage in einer Begegnung ist nicht die nach dem Namen, sondern stets jene nach dem Alter. Dafür hat man in Korea auch ein sehr gutes Gedächtnis. Mag man nicht mehr wissen, wie der Andere hieß, was er beruflich machte – aber ob er älter oder jünger ist, hat man sich gemerkt. Der Junge kriecht, solange bis er der Ältere ist.

Von dem System mag man halten was man will, aber unter Koreanern resultiert es in einem gewissen Gleichgewicht – tit for tat – jeder ist/war mal der Jüngere. Ins Wanken kommt das Ganze wenn jemand von außen den Plan betritt – wie unser Spanier. Der ist älter und verlangt dem tief tradierten Koreaner daher Respekt, Folg- und Schweigsamkeit ab, sieht sich aber selbst nicht dazu veranlasst sich an irgendwelche Konventionen zu halten. Unter anderem äußert sich diese Konstellation darin, dass die beiden bösen Buben sich zum Fußball schau’n im Zimmer des Spanier niederlassen – Nachts um vier der Zeitverschiebung wegen. Mir wurde tagsdarauf ohne jedes Unrechtsbewusstsein berichtet, dass dabei das eine Bett zum Sitzen, das andere zum Platzieren des Laptops genutzt wurde, während der Mitbewohner, ohne einen Mucks zu sagen, an seinem Schreibtisch brütete, bis man sich irgendwann seiner erbarmte und ihn fragte ob er denn Schlafen wolle. Mehr als 3 Stunden ‚Ruhe‘ können für den Jungen dabei nicht rumgekommen sein.

Das ganze wiederholte sich einige Wochen später, diesmal mitten in der Prüfungszeit, eine Periode in der hier sowieso schon jeder den Kopf verliert und vor lauter Lernen kaum zum Augenschließen kommt. Zwei saufende und johlende Deppen sind das Letzte, was man in der Situation gebrauchen kann.

Eher amüsierend, aber dennoch sehr bezeichnend offenbarte sich dann folgende Anekdote. Ganz entgegen meiner üblichen Angewohnheit erhob ich mich frühzeitig aus den Federn, um schwimmen zu gehen. Im Badezimmer hing noch frische Wäsche vom Vortag zum Trocknen und mir ging noch durch den Kopf, ob er, sollte er doch rechtzeitig für seinen Sprachkurs aufstehen und duschen wollen, soweit denken, die Sachen vorher aus dem winzigen Raum, der gleichzeitig unsere Duschkabine darstellt, zu entfernen. In blindem Gottvertrauen an das Gute im Menschen verließ ich das Haus. Natürlich dachte er nicht soweit.

Als dann gestern Nacht, die Idee von leidlich zeitiger Ruhe davon vereitelt wurde, dass mein werter Mitbewohner meinte um halb zwei in erhöhter Geschsprächslautstärke nach Hause zu telefonieren, stand für mich fest – dieser Eintrag solle in all seiner Bissigkeit das Licht der Welt erblicken.


Veröffentlicht in Andere Sitten

5 Kommentare »

  1. Es hat eine gewisse Komik, dass das größte Grausen und die größte Abneigung nicht die fremden Sitten und Gebräuche deines Gastlandes, sondern das Verhalten eines Landsmannes hervorruft 🙂

    Haben ja BelaFarinRod auch schon gesagt: Männer sind Schweine…

    Grüße aus der schönsten Stadt der Welt ins weit entfernte Anderswo!

    Kommentar von Franziska — April 29, 2010 @ 7:17 am

  2. ist horst aus versehen in korea gelandet? 😀

    Kommentar von julia — Mai 5, 2010 @ 12:02 pm

  3. http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/503130/1/1#texttitel

    Peter muss schon in Phase 3 sein, er meldet sich nämlich nicht mehr…

    Kommentar von Franziska — Mai 7, 2010 @ 6:30 am

  4. oh, die phasen 4 und 5 werden auch nicht besser!

    Kommentar von julia — Mai 7, 2010 @ 8:45 am

  5. Aber in Phase 5 bin ich wieder da!
    Und nein, das mit Phasen alles (leider?) gar nichts zu tun, ich bin einfach nur nicht arbeitsam genug…

    (und weil der einzig wahre Gott so weise ist, habe ich die Jungs auch im Artikel verlinkt – könnt ihr ruhig draufhaun, ich will euch schon nichts böses)

    Kommentar von dasreiskorn — Mai 8, 2010 @ 11:24 am


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