Das Reiskorn

Teil XIV – Mäh ihr Schafe

Mai 10, 2010
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Wer von euch versteht etwas von Wildjagd?

Wenn man als mittelmäßiger Jäger auf ein Reh anlegt, aber nicht trifft, gewährt einem die Beute gnädigerweise eine zweite Chance. Das Reh wird zwar zunächst in Panik flüchten, aber bereits nach drei Sekunden stehen bleiben, um sich irritiert umzusehen. Hier öffnet sich ein Fenster für den aufmerksamen Jäger, der um diesen Umstand weiß.

Sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen, mir meinen eigenen Weihnachtsbraten schießen zu müssen, ich werde mich dieser Weisheit erinnern. Sowas lernt man hier im Foreign Relatios Kurs. Als mein Dozent 리호쇼/ Lee Ho-Chul anfing von der ‚Deer-Story‘ zu reden, sprang mein Geist zunächst sofort zu Lord Helmchens früher Mikroökonomie.

Eine Gruppe Jäger kann entweder gemeinsam ein Reh erlegen, von dem alle eine lange Zeit satt werden oder jeder Einzelne kann alleine Hasen jagen, die jedoch für den gleichen Aufwand weniger Fleisch abwerfen. Was ist nun, wenn ein Hase die unsichere Suche nach einem Reh stört?

Herrn Lee ging es jedoch nicht um dieses klassische Dilemma der Spieltheorie, sondern um die Frage: Warum bleibt das Reh stehen, um sich doch noch töten lassen. Antwort: Weil es ein dämliches Vieh ist. Mit einem (augenscheinlich) nur drei Sekunden anhaltenden Kurzzeitgedächtnis, schaut es intellektuell zu manchem Goldfisch auf.

Erzählt hat er uns das, weil er nicht möchte, dass seine Studenten Rehe werden, die das was sie heute lernen, morgen bereits wieder vergessen haben. Ich fürchte nur Herr Lee, ihre Studenten sind etwas viel erschreckenderes. Sie sind Schafe. Schafe die blöken wenn der vorne das Zeichen gibt.

Mäh ihr Schafe

Ein guter Vortrag (also einer an dessen Ende der Dozent sagt: ‚Well done‘) sieht hier so aus, dass man Passagen aus dem vorzustellenden Artikeln wortwörtlich in die Power Point Präsentation kopiert und diese dann vorliest. Das Ganze in einer Intonation, die ungefähr so klingt, wie wenn ich mir einen russischen Text zur Brust nehme: mit gelindem Erstaunen über jedes kommende Wort und den dafür angemessenen Pausen an jedem Silbenende. Der Blick starr auf sein Blatt gerichtet, wirft eine kurze Umschau im Klassenzimmer die Frage auf – für wen macht der das da vorne eigentlich. Für die Anwesenden kann es nicht sein, nicht einmal der Dozent hört ihm wirklich zu.

Es ist eine Farce, bei der ist nicht um den Inhalt, ja noch nicht einmal um die Form (auch bei Vorträgen an unseren Universitäten ist der Inhalt höchstens zweitrangig), sondern allein um den Akt an sich geht. Wissensvermittlung oder eigenständiges Denken? Fehlanzeige. Weder macht das Häufchen Elend vorne am Pult den Eindruck, er hätte verstanden was er da herableiert, noch zeigt die vor ihm versammelte Herde irgendwelche Anzeichen von Erkenntnisgewinn.

Den Vogel abgeschossen hat für mich heute der Moment, da der Dozent eine Frage stellte (nach dem komplexen Muster: wozu gehört ‚xy‘ – ‚a‘, ‚b‘ oder ‚c‘?), deren Antwort auf der in jenem Moment sichtbaren Folie zu lesen stand (nach dem noch viel komplexeren Muster ‚a (xy)‘ ) und das Opfer seiner Frage nur große Augen machte (nach dem eher simplen Muster ‚… I don’t know…‘).

In einer solchen Umgebung könnte sich auch noch der letzte PoWi als Intelligenzbestie aufspielen. Wer schon mal in einer BWL/VWL Veranstaltung gesessen hat, kennt den ahnungslosen Blick der Herde vielleicht, nur stellt euch dazu noch vor, dass die Herde der Sprache jener Litanei nicht mächtig ist, die sie da nachbölken soll.

Den Dozenten stört das nicht weiter, ist er doch selber Kind desselben Systems. So bleibt am Ende die traurige Erkenntnis, dass er auch nur ein Schaf ist, der Leitwidder vielleicht, aber mit einem Horizont, der allein durch die Dimension seines Egos erweitert wird. Ein Einäugiger unter den Blinden.

Ich hab dem Mann eine Frage gestellt, so eine hinterhältige kleine Frage, die, sehr verallgemeinert gesprochen, wissen wollte, ob es nicht auch anders sein könnte. Zu solchen Gemeinheiten bin ich ja manchmal fähig. Zu viel Mehr, als seinen Standpunkt zu wiederholen, war der Mann leider nicht in der Lage.

Skurrile Beobachtung des Tages: Ein junger Mensch im Che Guevara T-Shirt sitzt am Werbestand einer Bank und lässt sich finanziell Beraten. Irgendwas ist hier kaputt…


Teil XIII – Denn du bist, was du isst

Mai 8, 2010
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Heute gibt es einen kleinen Einblick in das koreanische Essen. Nachdem ich euch, meiner werten Leserschaft zu Beginn einen ganz gräulichen Eindruck der hiesigen Küche vermittelt habe und ihr euch zwischendurch immerhin einen bildlichen Eindruck davon machen konntet, was hier so alles auf dem Tisch steht, möchte ich jetzt einige explizit lobende Worte anbringen. Man muss nicht einmal Fisch mögen um hier sehr, sehr lecker essen zu können.

Die koreanische Essgewohnheiten unterscheiden sich grundlegend von unseren. Da ist an erster Stelle natürlich der Reis, der hier sowohl das Brot, als auch die Kartoffeln, als auch die Pasta ersetzt. Es gibt einfach zu jeder warmen Mahlzeit Reis und anders als daheim gibt es derer pro Tag drei. Eintopf, Reis, Kim’chi und zwei weitere Beilagen – so sieht ein traditionelles koreanisches Frühstück aus. Natürlich hält auch hier der Lebensstil des großen Bruders Amerika Einzug und Sandwiches oder Cornflakes sind mittlerweile durchaus üblich. Auch die junge Generation zieht es aber weiterhin vor ihr Essen zu teilen. Viele Restaurants oder Lieferanten bieten gar keine Gerichte für Einzelpersonen an. Lange habe ich mich gewundert warum das frittierte Hähnchen so teuer ist, bis ich nach einer Bestellung feststellte, dass diese Menge niemals für mich alleine konzipiert war. Klassischerweise stehen in der Mitte eines sehr niedrigen Tisches, vor dem man nur auf Kissen sitzt oder kniet, viele kleine Schalen mit verschiedensten Beilagen aus denen sich jeder mit seinen Stäbchen bedient. Eigentlich ist es kulturell nicht vorgesehen etwas alleine zu tun.

비빔밥/ Bibimbab / Allerlei Reis

Ein Gericht das einst aus der Not geboren, ist heutzutage ein Klassiker an jeder koreanischen Tafel. Als Korea vom Krieg verwüstet und bitterarm fand man mit diesem Reistopf eine abwechslungsreiche, aber kostengünstige Möglichkeit der Sättigung. Meistens finden sich darin fünf verschiedene Gemüsesorten, darunter Sojasprossen, Bohnen, Möhren, häufig Pilzen angereichert mit ein wenig Fleisch und garniert mit einem gebratenen Ei. Vermengt wird das Ganze dann mit einer schön scharfen Soße und sieht herrlich unappetitlich aus. Schmeckt aber voll lecker.

돈까스 / Tongasse / Schnitzel (!)

Wenn einem saurer Kim’Chi, scharfe Topoki, schwarze Nudeln oder Fisch in all seinen Farben und Formen nichts ist, auf das gute, deutsche Schnitzel ist auch am anderen Ende der Welt verlass. Gut hier hält man es für eine Erfindung der Japaner, aber das hindert sie nicht daran es trotzdem schmackhaft zuzubereiten. Egal ob vom Huhn, von der Pute oder vom Schwein, manchmal mit Käse gefüllt, aber immer paniert, schwingt beim Verzehr eines Tongasse immer ein Hauch Heimat mit. Allein eines haben sie noch nicht ganz gemeistert. Wenn ich mein Schnitzel schon knusprig paniere, wo ist der Sinn eben jene Panade anschließend mit Bratensoße wieder aufzuweichen?

토포키/ Topoki/ Reiskuchen in scharfer Soße

Süßer Reiskuchen ist schwer widerlich. Packt man ihn aber in scharfe Soße erhält man das koreanische Äquivalent zum Kartoffelkloß – und das ist mindestens genauso schmackhaft. Selten als eigene Mahlzeit, sondern als eine von vielen Beilagen serviert, isst man dazu natürlich weiterhin Reis.

볼고기/ Bulgogi/ Fleischpfanne

Die koreanische Art Fleisch zu garen. Viel weiß ich darüber nicht zu sagen, nur dass es aus einer großen Pfanne, mit viel, viel Zwiebeln stammt, gar nicht mal so scharf ist und hier bei McDonalds auch als Burger angeboten wird.

김치/ Kimch’i

Der Allgegenwärtige. Kohl, Rettich, Kopfsalat oder was man sonst noch sauer-scharf einlegen kann, wenn schon drei mal am Tag, dann wenigstens mit etwas Abwechslung. Bisher habe ich schon so Manchen hier gefragt, wie man diese traditionelleste aller Traditionen denn zubereitet… und erschreckenderweise waren sie sich alle einige, dass man Kimch’i im Supermarkt oder im Restaurant bekommt. Überall beherrschen es noch die Mütter und Großmütter, aber der aktuellen Generation Koreaner scheint die Kenntnis um die Geheimnisse des Kimch’i mit einem Schlag abhanden zu kommen. Für Ausländer ist das ‚korean Sauerkraut‘ zunächst gewöhnungsbedürftig, ich aber habe sehr schnell einen Faible dafür entwickelt… solange die Qualität stimmt. Mit dem was die Mensa hier Kimch’i nennt kann man mich jagen, aber so manches auswärtige Mahl wurde mit ganz ausgezeichnetem Kohl ergänzt.

Ich jage derweil weiter nach einem Rezept.

짜장면/ Dschdaschan mjon/ Schwarze Nudeln

Mein erstes koreanisches Mahl. Man sieht ihnen nicht an, woraus ihre schwarze Soße gemacht ist, doch ich vermute dass in jedem Fall Schinkenwürfel und eine Art Kohl in der Tinte stecken. Letzterer könnte auch für die abenteuerliche Färbung verantwortlich sein. Dem Laien vorgesetzt wird es auch sehr schnell gruslig – mit einem vom ungeübten Stäbchengebrauch eingefärbten Gesicht dürfte man sofort ans nächste Horror-Set. Dabei sind diese Nudeln, wie man das von Menschen so kennt, trotz ihres schwarzen Kleides ganz ungefährlich, da gar nicht scharf, frei von Fisch und sogar in der Mensa furchtbar lecker. Bei den letzten beiden Eigenschaften hinkt der Vergleich mit Gothiks dann schon wieder ein wenig.

라면/ Lamjon/ Nudelsuppe

Die fertig Nudelsuppe, das koreanische Nationalessen und so überhaupt nicht nahrhaft. Gibt es auch schon mal als Mensaessen serviert…


    Eine kleine Reise durch das Land der Morgenstille
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