Das Reiskorn

Teil XIV – Mäh ihr Schafe

Mai 10, 2010
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Wer von euch versteht etwas von Wildjagd?

Wenn man als mittelmäßiger Jäger auf ein Reh anlegt, aber nicht trifft, gewährt einem die Beute gnädigerweise eine zweite Chance. Das Reh wird zwar zunächst in Panik flüchten, aber bereits nach drei Sekunden stehen bleiben, um sich irritiert umzusehen. Hier öffnet sich ein Fenster für den aufmerksamen Jäger, der um diesen Umstand weiß.

Sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen, mir meinen eigenen Weihnachtsbraten schießen zu müssen, ich werde mich dieser Weisheit erinnern. Sowas lernt man hier im Foreign Relatios Kurs. Als mein Dozent 리호쇼/ Lee Ho-Chul anfing von der ‚Deer-Story‘ zu reden, sprang mein Geist zunächst sofort zu Lord Helmchens früher Mikroökonomie.

Eine Gruppe Jäger kann entweder gemeinsam ein Reh erlegen, von dem alle eine lange Zeit satt werden oder jeder Einzelne kann alleine Hasen jagen, die jedoch für den gleichen Aufwand weniger Fleisch abwerfen. Was ist nun, wenn ein Hase die unsichere Suche nach einem Reh stört?

Herrn Lee ging es jedoch nicht um dieses klassische Dilemma der Spieltheorie, sondern um die Frage: Warum bleibt das Reh stehen, um sich doch noch töten lassen. Antwort: Weil es ein dämliches Vieh ist. Mit einem (augenscheinlich) nur drei Sekunden anhaltenden Kurzzeitgedächtnis, schaut es intellektuell zu manchem Goldfisch auf.

Erzählt hat er uns das, weil er nicht möchte, dass seine Studenten Rehe werden, die das was sie heute lernen, morgen bereits wieder vergessen haben. Ich fürchte nur Herr Lee, ihre Studenten sind etwas viel erschreckenderes. Sie sind Schafe. Schafe die blöken wenn der vorne das Zeichen gibt.

Mäh ihr Schafe

Ein guter Vortrag (also einer an dessen Ende der Dozent sagt: ‚Well done‘) sieht hier so aus, dass man Passagen aus dem vorzustellenden Artikeln wortwörtlich in die Power Point Präsentation kopiert und diese dann vorliest. Das Ganze in einer Intonation, die ungefähr so klingt, wie wenn ich mir einen russischen Text zur Brust nehme: mit gelindem Erstaunen über jedes kommende Wort und den dafür angemessenen Pausen an jedem Silbenende. Der Blick starr auf sein Blatt gerichtet, wirft eine kurze Umschau im Klassenzimmer die Frage auf – für wen macht der das da vorne eigentlich. Für die Anwesenden kann es nicht sein, nicht einmal der Dozent hört ihm wirklich zu.

Es ist eine Farce, bei der ist nicht um den Inhalt, ja noch nicht einmal um die Form (auch bei Vorträgen an unseren Universitäten ist der Inhalt höchstens zweitrangig), sondern allein um den Akt an sich geht. Wissensvermittlung oder eigenständiges Denken? Fehlanzeige. Weder macht das Häufchen Elend vorne am Pult den Eindruck, er hätte verstanden was er da herableiert, noch zeigt die vor ihm versammelte Herde irgendwelche Anzeichen von Erkenntnisgewinn.

Den Vogel abgeschossen hat für mich heute der Moment, da der Dozent eine Frage stellte (nach dem komplexen Muster: wozu gehört ‚xy‘ – ‚a‘, ‚b‘ oder ‚c‘?), deren Antwort auf der in jenem Moment sichtbaren Folie zu lesen stand (nach dem noch viel komplexeren Muster ‚a (xy)‘ ) und das Opfer seiner Frage nur große Augen machte (nach dem eher simplen Muster ‚… I don’t know…‘).

In einer solchen Umgebung könnte sich auch noch der letzte PoWi als Intelligenzbestie aufspielen. Wer schon mal in einer BWL/VWL Veranstaltung gesessen hat, kennt den ahnungslosen Blick der Herde vielleicht, nur stellt euch dazu noch vor, dass die Herde der Sprache jener Litanei nicht mächtig ist, die sie da nachbölken soll.

Den Dozenten stört das nicht weiter, ist er doch selber Kind desselben Systems. So bleibt am Ende die traurige Erkenntnis, dass er auch nur ein Schaf ist, der Leitwidder vielleicht, aber mit einem Horizont, der allein durch die Dimension seines Egos erweitert wird. Ein Einäugiger unter den Blinden.

Ich hab dem Mann eine Frage gestellt, so eine hinterhältige kleine Frage, die, sehr verallgemeinert gesprochen, wissen wollte, ob es nicht auch anders sein könnte. Zu solchen Gemeinheiten bin ich ja manchmal fähig. Zu viel Mehr, als seinen Standpunkt zu wiederholen, war der Mann leider nicht in der Lage.

Skurrile Beobachtung des Tages: Ein junger Mensch im Che Guevara T-Shirt sitzt am Werbestand einer Bank und lässt sich finanziell Beraten. Irgendwas ist hier kaputt…


Teil XIII – Denn du bist, was du isst

Mai 8, 2010
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Heute gibt es einen kleinen Einblick in das koreanische Essen. Nachdem ich euch, meiner werten Leserschaft zu Beginn einen ganz gräulichen Eindruck der hiesigen Küche vermittelt habe und ihr euch zwischendurch immerhin einen bildlichen Eindruck davon machen konntet, was hier so alles auf dem Tisch steht, möchte ich jetzt einige explizit lobende Worte anbringen. Man muss nicht einmal Fisch mögen um hier sehr, sehr lecker essen zu können.

Die koreanische Essgewohnheiten unterscheiden sich grundlegend von unseren. Da ist an erster Stelle natürlich der Reis, der hier sowohl das Brot, als auch die Kartoffeln, als auch die Pasta ersetzt. Es gibt einfach zu jeder warmen Mahlzeit Reis und anders als daheim gibt es derer pro Tag drei. Eintopf, Reis, Kim’chi und zwei weitere Beilagen – so sieht ein traditionelles koreanisches Frühstück aus. Natürlich hält auch hier der Lebensstil des großen Bruders Amerika Einzug und Sandwiches oder Cornflakes sind mittlerweile durchaus üblich. Auch die junge Generation zieht es aber weiterhin vor ihr Essen zu teilen. Viele Restaurants oder Lieferanten bieten gar keine Gerichte für Einzelpersonen an. Lange habe ich mich gewundert warum das frittierte Hähnchen so teuer ist, bis ich nach einer Bestellung feststellte, dass diese Menge niemals für mich alleine konzipiert war. Klassischerweise stehen in der Mitte eines sehr niedrigen Tisches, vor dem man nur auf Kissen sitzt oder kniet, viele kleine Schalen mit verschiedensten Beilagen aus denen sich jeder mit seinen Stäbchen bedient. Eigentlich ist es kulturell nicht vorgesehen etwas alleine zu tun.

비빔밥/ Bibimbab / Allerlei Reis

Ein Gericht das einst aus der Not geboren, ist heutzutage ein Klassiker an jeder koreanischen Tafel. Als Korea vom Krieg verwüstet und bitterarm fand man mit diesem Reistopf eine abwechslungsreiche, aber kostengünstige Möglichkeit der Sättigung. Meistens finden sich darin fünf verschiedene Gemüsesorten, darunter Sojasprossen, Bohnen, Möhren, häufig Pilzen angereichert mit ein wenig Fleisch und garniert mit einem gebratenen Ei. Vermengt wird das Ganze dann mit einer schön scharfen Soße und sieht herrlich unappetitlich aus. Schmeckt aber voll lecker.

돈까스 / Tongasse / Schnitzel (!)

Wenn einem saurer Kim’Chi, scharfe Topoki, schwarze Nudeln oder Fisch in all seinen Farben und Formen nichts ist, auf das gute, deutsche Schnitzel ist auch am anderen Ende der Welt verlass. Gut hier hält man es für eine Erfindung der Japaner, aber das hindert sie nicht daran es trotzdem schmackhaft zuzubereiten. Egal ob vom Huhn, von der Pute oder vom Schwein, manchmal mit Käse gefüllt, aber immer paniert, schwingt beim Verzehr eines Tongasse immer ein Hauch Heimat mit. Allein eines haben sie noch nicht ganz gemeistert. Wenn ich mein Schnitzel schon knusprig paniere, wo ist der Sinn eben jene Panade anschließend mit Bratensoße wieder aufzuweichen?

토포키/ Topoki/ Reiskuchen in scharfer Soße

Süßer Reiskuchen ist schwer widerlich. Packt man ihn aber in scharfe Soße erhält man das koreanische Äquivalent zum Kartoffelkloß – und das ist mindestens genauso schmackhaft. Selten als eigene Mahlzeit, sondern als eine von vielen Beilagen serviert, isst man dazu natürlich weiterhin Reis.

볼고기/ Bulgogi/ Fleischpfanne

Die koreanische Art Fleisch zu garen. Viel weiß ich darüber nicht zu sagen, nur dass es aus einer großen Pfanne, mit viel, viel Zwiebeln stammt, gar nicht mal so scharf ist und hier bei McDonalds auch als Burger angeboten wird.

김치/ Kimch’i

Der Allgegenwärtige. Kohl, Rettich, Kopfsalat oder was man sonst noch sauer-scharf einlegen kann, wenn schon drei mal am Tag, dann wenigstens mit etwas Abwechslung. Bisher habe ich schon so Manchen hier gefragt, wie man diese traditionelleste aller Traditionen denn zubereitet… und erschreckenderweise waren sie sich alle einige, dass man Kimch’i im Supermarkt oder im Restaurant bekommt. Überall beherrschen es noch die Mütter und Großmütter, aber der aktuellen Generation Koreaner scheint die Kenntnis um die Geheimnisse des Kimch’i mit einem Schlag abhanden zu kommen. Für Ausländer ist das ‚korean Sauerkraut‘ zunächst gewöhnungsbedürftig, ich aber habe sehr schnell einen Faible dafür entwickelt… solange die Qualität stimmt. Mit dem was die Mensa hier Kimch’i nennt kann man mich jagen, aber so manches auswärtige Mahl wurde mit ganz ausgezeichnetem Kohl ergänzt.

Ich jage derweil weiter nach einem Rezept.

짜장면/ Dschdaschan mjon/ Schwarze Nudeln

Mein erstes koreanisches Mahl. Man sieht ihnen nicht an, woraus ihre schwarze Soße gemacht ist, doch ich vermute dass in jedem Fall Schinkenwürfel und eine Art Kohl in der Tinte stecken. Letzterer könnte auch für die abenteuerliche Färbung verantwortlich sein. Dem Laien vorgesetzt wird es auch sehr schnell gruslig – mit einem vom ungeübten Stäbchengebrauch eingefärbten Gesicht dürfte man sofort ans nächste Horror-Set. Dabei sind diese Nudeln, wie man das von Menschen so kennt, trotz ihres schwarzen Kleides ganz ungefährlich, da gar nicht scharf, frei von Fisch und sogar in der Mensa furchtbar lecker. Bei den letzten beiden Eigenschaften hinkt der Vergleich mit Gothiks dann schon wieder ein wenig.

라면/ Lamjon/ Nudelsuppe

Die fertig Nudelsuppe, das koreanische Nationalessen und so überhaupt nicht nahrhaft. Gibt es auch schon mal als Mensaessen serviert…


Teil XII – Da ist ein Monster in meinem Zimmer

April 28, 2010
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„Ich sah diesen Mann
Irgendwann im Zoobistro
gleich neben dem Affenhaus
Er war stark behaart
Riesenbart und er sah
fast wie ein Affe aus“

– Die Prinzen: ‚Ich mag Frauen‘

Mein Mitbewohner, nennen wir ihn… Horst. Eine Namenswahl, die ihn jetzt keinesfalls mit seinen Namensvettern Horst Köhler assoziieren möchte. Weder verfügt er über die vertrottelte Absonderlichkeit eines Guido Horn, noch zeichnet ihn die staatstragende Bedeutsamkeit (mancheiner würde sie als Schlichtheit falsch verstehen) eines Bundespräsidenten aus.

Dieser Mitbewohner also erfüllt wohl so ziemlich jedes Klischee, dass am (deutschen) Manne jemals zu beobachten war. Solche Charaktere inspirieren Lieder, ach wegen Männern wie diesem wurde der Feminismus erst erfunden. Denn, ganz ehrlich, es sind doch keine politischen Themen mit denen man eine hunderttausendfache Bewegung auf der ganzen Welt initiieren kann. Es sind die Grauen des Alltags, der Wunsch sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr ekeln zu müssen.

Nach dem gleichen Muster kam mir die Idee diese Abrechnung zu schreiben zwar aufgrund der Empörung über sein ignorantes Verhalten gegenüber anderen, letztendlich hingesetzt und sie doch verfasst habe ich aber angesichts der unfassbaren Egozentrik, die ich in eben jenen eigenen (und sehr, sehr engen) vier Wänden beobachten konnte.

Beware - someone is not amused

Beware - someone is not amused

Seine Grundattribute sind rasch zusammengefasst. Er stinkt, abwechselnd mal nach Rauch (er raucht nicht wenig, aber immerhin nicht im Zimmer oder auf der Toilette, soviel sei ihm zu gute gehalten), mal nach Suff oder mal nach den Schweißmauken, mit denen seine über die Bettkante hängenden Füße nach Duftbaummanier unsere fünf Quadratmeter Beschaulichkeit parfümieren. Dann und wann garniert er dieses Duftgemisch mit den Ausdünstungen nach sportlicher Betätigung – ein Odeur welches er mitunter tagelang nicht unter Zuhilfenahme von Wasser ablegt. Dafür ist der Griff zum Deodorant ein naheliegender. So sehr dies dafür geeignet sein mag die eigenen bad habbits zu übertünchen, als Sauerstoffersatz macht es eine ganz schlechte Figur.

*hust*

Ansonsten zelebriert er es, seine sehr persönliche Palette akustische Töne zu erzeugen – das Schmatzen, Rülpsen und Furzen beherrscht er geradezu meisterhaft. Doch auch des Nachts wird es nie langweilig, denn dieser Mann kann schnarchen, dass es ein Regenwald mit der Angst bekommt. Umso intensiver je mehr er gesoffen hat. Man mag es vermutet haben, er säuft gern und viel. Er gehört zu jenem Schlag Menschen der augenscheinlich ein Gefühl der Befreiung dabei empfindet sich in einem Schleier von Alkohol zu verlieren. Unsere sehr unterschiedlichen Schlafgewohnheiten sind dafür recht unproblematisch, dank Ohropax – gegen das Schnarchen hilft manchmal aber nur ein festes Rütteln am Bett gegenüber.

Das er sich primär für Fußball und Autos begeistern kann, komplettiert das Bild lediglich. Wobei, so eine Ballsportfan, der will natürlich kein halbes Jahr auf seine elf Freunde in Aktion verzichten. Ein Bedürfnis, das nicht immer ganz spurlos an seinen Mitmenschen vorbei geht.

Jene Leidenschaft für das runde Leder teilt er mit dem Spanier der Gruppe. Dessen Zimmer verfügt über einen immensen Standortvorteil: einen deutlich jüngeren, koreanischen Mitbewohner.

Die Sozialstruktur in Korea teilt alle Mitglieder der Gesellschaft nach ihrem Alter in eine strenge Hierarchie. Selbst unter Freunden ist es üblich, sich vor den Älteren zu verbeugen, die erste Frage in einer Begegnung ist nicht die nach dem Namen, sondern stets jene nach dem Alter. Dafür hat man in Korea auch ein sehr gutes Gedächtnis. Mag man nicht mehr wissen, wie der Andere hieß, was er beruflich machte – aber ob er älter oder jünger ist, hat man sich gemerkt. Der Junge kriecht, solange bis er der Ältere ist.

Von dem System mag man halten was man will, aber unter Koreanern resultiert es in einem gewissen Gleichgewicht – tit for tat – jeder ist/war mal der Jüngere. Ins Wanken kommt das Ganze wenn jemand von außen den Plan betritt – wie unser Spanier. Der ist älter und verlangt dem tief tradierten Koreaner daher Respekt, Folg- und Schweigsamkeit ab, sieht sich aber selbst nicht dazu veranlasst sich an irgendwelche Konventionen zu halten. Unter anderem äußert sich diese Konstellation darin, dass die beiden bösen Buben sich zum Fußball schau’n im Zimmer des Spanier niederlassen – Nachts um vier der Zeitverschiebung wegen. Mir wurde tagsdarauf ohne jedes Unrechtsbewusstsein berichtet, dass dabei das eine Bett zum Sitzen, das andere zum Platzieren des Laptops genutzt wurde, während der Mitbewohner, ohne einen Mucks zu sagen, an seinem Schreibtisch brütete, bis man sich irgendwann seiner erbarmte und ihn fragte ob er denn Schlafen wolle. Mehr als 3 Stunden ‚Ruhe‘ können für den Jungen dabei nicht rumgekommen sein.

Das ganze wiederholte sich einige Wochen später, diesmal mitten in der Prüfungszeit, eine Periode in der hier sowieso schon jeder den Kopf verliert und vor lauter Lernen kaum zum Augenschließen kommt. Zwei saufende und johlende Deppen sind das Letzte, was man in der Situation gebrauchen kann.

Eher amüsierend, aber dennoch sehr bezeichnend offenbarte sich dann folgende Anekdote. Ganz entgegen meiner üblichen Angewohnheit erhob ich mich frühzeitig aus den Federn, um schwimmen zu gehen. Im Badezimmer hing noch frische Wäsche vom Vortag zum Trocknen und mir ging noch durch den Kopf, ob er, sollte er doch rechtzeitig für seinen Sprachkurs aufstehen und duschen wollen, soweit denken, die Sachen vorher aus dem winzigen Raum, der gleichzeitig unsere Duschkabine darstellt, zu entfernen. In blindem Gottvertrauen an das Gute im Menschen verließ ich das Haus. Natürlich dachte er nicht soweit.

Als dann gestern Nacht, die Idee von leidlich zeitiger Ruhe davon vereitelt wurde, dass mein werter Mitbewohner meinte um halb zwei in erhöhter Geschsprächslautstärke nach Hause zu telefonieren, stand für mich fest – dieser Eintrag solle in all seiner Bissigkeit das Licht der Welt erblicken.


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Teil XI – Kinderr, müssen lernen, lernen, lernen!

April 18, 2010
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Im Leben eines jeden Koreaners gibt es einige wenige wichtige Tage, entscheidende Momente für seine Zukunft, richtungsweisend für alles was danach kommen möge. Sicher auch bei uns gibt es sie, jene Begebenheiten, die Hochzeiten oder Scheidungen, die ersten Male und die letzten Male, die einmaligen Gelegenheiten, die Angebote die man nicht ablehnen kann, nach denen sich augenscheinlich oder tatsächlich alles ändert, die noch über Jahre nachwirken. Darin unterscheiden sich die beiden Kulturen keinesfalls, nur für die jungen Menschen hier sind da noch andere, bedeutendere Tage, die ganze Jahrgänge gemeinsam durchstehen müssen.

Final exams.

Die Abschlussprüfungen von Schule und Universität legen nämlich sehr genau fest, wie weit man es in Koreas Gesellschaft noch bringen wird. Koreanische Universitäten befinden sich in einer klaren Hierarchie und es gehört zum Allgemeinwissen eines jeden hier, welche von ihnen die Beste ist – und das Erstaunliche dabei: alle sind sie der selben Meinung! Infolgedessen sedimentieren sich die Studenten an allen Universitäten nach ihrem ‚Abi’schnitt – alle Eins-Nuller gehen an die Korean University, mit einer 2,7 schafft man es womöglich noch nach Incheon.

Unter Koreanern ist ihre Uni aber so ähnlich wie eine zweite, sehr, sehr weit verzweigte Familie und aus jedem Fremden macht die Erfahrung, die selbe Hochschule geteilt zu haben, augenblicklich einen Freund und Vertrauten. Verbindungen die sich natürlich auch in der Arbeitswelt niederschlagen, wo sich daher die Sedimentation der Universitäten fortsetzt. Ein selbsterhaltendes System, welches nicht zwangsläufig nur Qualität hervorbringt.

Nichtsdestotrotz macht die Mehrzahl der Jugendlichen ihre gesamte Schulzeit nichts anderes, als sich auf diesen einen Test vorzubereiten. Und wie sie vorbereitet werden! Wenn zukünftiger Erfolg oder Scheitern sich so glasklar von einer Punktzahl ablesen lassen, tun Mama und Papa alles um aus ihrem Sprössling ein überragendes Ergebnis zu kitzeln. Räuber und Gendarm Spiele gehören nicht zwangsläufig dazu. Tatsächlich heißt das zu lernen, ganz viel zu lernen. Vor der Schule, nach der Schule, in Nachhilfeklassen oder im Einzelunterricht. So viel zu lernen, dass während der eigentlichen Schulzeit gerne geschlafen wird.

Korea verfügt über ein in der Theorie hervorragendes Bildungssystem. Denn Bildung genießt einen hohen Stellenwert nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der praktischen Politik. Gutes Geld fließt in das System, die Lehrer sind sehr gut qualifiziert, die Ausstattung mit Lehrmitteln kann sich sehen lassen. Nichtsdestotrotz ist man mit dem eigenen System unzufrieden, berechtigt unzufrieden, aber erhöhte Ausgaben für Bildung konnten daran bisher substanziell nichts ändern.

Was passiert ist folgendes. In Vorbereitung auf jenen einen, alles bedeutenden Test lassen viele Eltern ihre Kinder bereits sehr zeitig an zusätzlichem Unterricht teilnehmen, an privaten Nachhilfeschulen oder im (sehr kostspieligem) Einzelunterricht. Dort lernen die Kleinen dann von Tutoren, die anders als die Lehrer in öffentlichen Einrichtungen keinen weiteren notwendigen Qualifikationen unterliegen, Dinge, welche erst weit später in der Schule relevant werden. Außerdem wirkt der tägliche Marathon von Nachhilfe über Schule und Sport zu Hausaufgaben und womöglich noch etwas Freizeit schwer erschöpfend. Letztendlich sitzen also in den Klassenräumen dieser Nation Heerscharen unterforderter, aber übermüdeter Kinder, deren Wissen in testrelevanten Gebieten überragend aber darüber hinaus erschreckend limitiert ist und lassen sich von gut bezahlten, gut ausgebildeten Lehrkräften in den Schlaf säuseln.


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Teil X – Sing when you are winning

April 13, 2010
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Vorwort: Es tut mir Leid, dass dieser Eintrag so lange auf sich warten ließ – fast einen Monat ist hier nichts mehr geschrieben worden. Der Bärenteil des folgenden Eintrags stand dabei schon fast genauso lange, nur eine Vielzahl von Aufgaben, nun eigentlich genauer die Notwendigkeit diese Aufgaben zu erledigen und mein Mangel an Disziplin dieser Notwendigkeit nachzukommen, hielt mich davon ab dem Reiskorn näher zu widmen. Das will ich ändern und beabsichtige von nun an wenigstens jeden Sonntag einen neuen Eintrag zu publizieren.

Als kleine „Entschädigung“ gibt es neben dem längsten bisherigen Eintrag auch noch drei neue Photoalben – der Campus, eine Galerie koreanischen Essens und ein paar Eindrücke der Innenstadt von Incheon – alle auch im Menü auf der rechten Seiten zu finden. Viel Spaß.

Eigentlich wollte ich doch nur etwas Essen. Aber wie heißt es so schön: Machen wir uns nichts vor, endet doch eh alles wieder im Exzess!

In der Lobby traf ich auf Ling, eine Chinesin mit der ich einige Tage zuvor eben dort wenige Worte gewechselt und wurde von ihr und ihren Freunden sofort ganz freudig begrüßt. (Wie man einen als westlicher Ausländer hier sowieso erstmal überall ganz freundlich begrüßt wird.) Nach dem Austausch einiger freundlicher Plänkeleien fragte man mich recht bald, was meine Pläne für den Abend seien, ich hatte keine und so ward es schnell beschlossen, dass ich die über 15-köpfige Truppe mit in die Stadt begleiten sollte. Mittlerweile könnte man meinen, ich sei es gewöhnt in den Bus zu steigen ohne zu wissen, wohin die Reise geht.

Wir endeten in der gleichen Gegend, wo wir bereits die Ankunft der Franzosen im Rio’s begingen, aber dieses Mal sollte es mich in ein Nore-Bang verschlagen, einen Gesangs-Raum. Nore-Bang kann in allen Größen mieten, zu Zweit oder zu Zwanzigst, aber der Zweck ist immer derselbe: Alkohol bestellen, trinken und Karaoke singen. Also wurden Soju und Bier (oder was man hier so Bier nennt, leicht bitteres Wasser halt) geordert und dazu gabs lecker Hähnchen und Reiskuchen. Letzterer hat mit dem süßen Reiskuchen auf meinen Bildern allemal die Konsistenz gemeinsam, denn man servierte ihn in scharfer Soße. In dieser Kombination erinnerte es mich an Kartoffelklöße und mundete gleich viel besser als jenes gesüßte Pendant, dessen Eigengeruch allein mich bereits in die Flucht schlagen konnte.

Unter den ganzen Koreanern stellte ich natürlich (mal wieder) die Sensation dar und so wurden bald die Rufe laut, ich möge anfangen zu singen. ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun‘ dachte ich mir noch, und kam willig der Bitte nach mich vor der Meute zum Affen zu machen – und wenn die Jahre des darstellenden Spiels nur für das radikale Senken meiner Hemmschwelle gut waren. Auf die Schnelle habe ich zu Metallica gegriffen, wobei natürlich niemand „Whiskey In The Jar“ kannte.

Musikalisch ist Korea sehr regional geprägt, das heißt es gibt K-Pop und einige ganz wenige amerikanische Pop(-Künstler) und dann lange nichts. Wenn man also die Leute fragt ob sie von Legenden der Rock-Musik wie AC/DC, David Bowie oder Alice Cooper, und manchmal sogar Metallica oder Queen, etwas gehört haben, erntet man meist nur verständnislose Blicke. Nun habe ich selbst noch so manche klassische Bildungslücke, aber bereits am Bandnamen zu scheitern?

Nichtsdestotrotz wurde meine Darbietung mit frenetischem Jubel begrüßt, sogar noch als ich mit dem Singen schon angefangen. Das mag zum einem an dem sehr gnädigen Mikro gelegen haben, welches mit einem sehr dankbaren Hall ausgestattet, die Stimme des Interpretieren meist nur noch erahnen ließ. Zum anderen habe ich mir zu Metallica natürlich das Kopfschütteln nicht nehmen lassen – und wohl dosiert ist das bereits zu Hause ein altbewährter Partyspaß. Dahingegen kannte mein Entsetzen keine Grenzen, darüber was mit diesem herausragenden Stück Musik angestellt wurde – an meine Ohren drang da ein wohl spezieller Nore-Bang-Remix der gänzlich ohne E-Gitarren auskam, an derer statt man, ich vermute, ein Akkordeon vernahm. Wir sind hier doch nicht bei Humppaa!

Auch den restlichen Abend, bis Ling und ich recht zeitig aufbrechen mussten, um die Auflagen unserer Herberge noch zu erfüllen, erwies es sich als unmöglich eine gemeinsame Liedgutbasis zu entdecken. Jedwedes Lied, welches ich auch hätte singen können, war ihnen unbekannt und umgekehrt. Selbst für die unglaublich spaßige wie einfache Ghostbusters Titelmelodie ließ sich niemand begeistern. Und entgegen allen Sojus bewahrte ich mir den letzten Rest Würde, der mich davor bewahrte „Last Christmas“ zu singen.

Kaum eine Woche später traf ich in der Absicht mir ein Abendbrot zu erjagen Fatima und ihre Freundin Sun, die mich fragten, wie meine Pläne so ausschauen. Mein Idee ins Kino zu gehen, hatte sich kurz zuvor in Wohlgefallen aufgelöst und so ging das Spiel wieder von vorne los. Ziel war diesmal Bupyeong , Downtown Incheon. Hinter den stilechten Schwingtüren der „Western Bar“ Goose Goose saßen allerdings keine hartgesottenen Cowboys sondern fast ausschließlich Englischlehrer aus jeder Ecke des Planeten. Nick zum Beispiel kommt aus Neuseeland und war bereits bei unserer Ankunft gut dabei und seiner Contenance war der folgende Abend keinesfalls nur förderlich. Zwar hat er mehrfach versucht mich zum Rauchen zu verführen, aber gleichzeitig begegnete er bisher als Einziger, der Erzählung meiner Fernbeziehung mit der vollsten Überzeugung, wir befänden uns auf dem richtigen Weg. „Ihr schafft das schon!“ Das fand ich beeindruckend und ermutigend zu gleich. Seine Situation ist eine ganz ähnlich, lebt seine Freundin doch in Peru – auch kein Katzensprung von Südkorea. Nachdem ich sowohl beim Pool als auch beim Dart erfolgreich versagte, zog es uns weiter, der N’s Pub als nächste Station unserer Reise durch die Nacht von Incheon. Mit von der Partie Alex, Suns Freund, und Odi aus Kalifornien sowie natürlich Sun und Fatima. Man höre und staune Alkohol gab es von da an fast keinen mehr, denn dort haben wir hauptsächlich das gute Hähnchen und sehr ausgezeichnete Freedom Fries genoßen.

Kaum eine Stunde später brachen wir sofort wieder auf, sehr zu meiner Freude diesmal endlich um ein Nore-Bang aufzusuchen. Mit den beiden Kaliforniern und Fatima als Gesellschaft war es gleich weit einfacher eine gemeinsame musikalische Basis zu finden. Egal ob Manson, Creed oder R.E.M. – irgendwer konnte immer mitsingen. Gleichzeitig konnte ich mich mit Textsicherheit zu zum Beispiel The Killers selbst überraschen. Vermutlich kam sich Sun als einzige Koreanerin im Raum auf der anderen Seite leicht verloren vor – die Schulter von Alex war dafür aber bestimmt nicht der schlechteste Ort.

Eindeutiger Höhepunkt war dann eindeutig als die versammelte Truppe mit vollem Enthusiasmus die „Strophen“ zum Rammsteins „Du Hast“ mitschmetterte. Mein Haareschütteln hat unter den Anwesenden für derart viel Enthusiasmus gesorgt, dass man unbedingt bevor der Abend sich dem Ende neigte noch ein Kostprobe sehen wollte. So musste dann, mit nur noch wenigen Minuten auf der Uhr (so ein Raum wird nach Stunden bezahlt) „Zombie“ von den Cranberries herhalten. Davon gibt es jetzt auch Bilder – die augenscheinlich außer mir bereits jeder am Campus gesehen hat…

Müdigkeit beschlich nach und nach fast jeden im Raum, weswegen jene, die es konnten bald den Heimweg antraten. Blieben Fatima und ich, die wir zwar noch sehr gut laufen, aber dennoch nicht ins Wohnheim zurückkehren konnten. Für min. 3 Stunden wäre wir dort noch nicht willkommen. Ein Dach über dem Kopf bot uns DVD-Bang, eine Mischung aus Videothek und privatem Kino. Für nur 10.000 Won pro Nase verbachten wir vor einer mehrere Meter breiten Leinwand den Rest der Nacht mit den Inglorious Basterds. Die Sofagarniutr war mir allerdings etwas suspekt, in der Art, dass ich keinesfalls wissen wollen würde, was vorherige Besucher dort bereits alles angestellt – außer Filme zu schauen. Minki hat es auch sehr amüsiert, als ich ihm erzählte, ich hätte den Film mit Fatima allein gesehen – man geht wohl zumeist davon aus, dass Paare die DVD-Bangs primär für etwas Privatssphäre beziehen. Sollte der Portier doch denken, was er wollte.

Irgendwann in den frühen Morgenstunden trudelten wir dann auch wieder am Campus ein und ich warte seit dem darauf, wann ich endlich wieder meine Stimmbänder beim Karaoke ramponieren kann – mein Kandidat der Wahl ist hierfür „Chop Suey“ von System of a Down.


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Teil IX – Loblied auf die Ärzteschaft

März 17, 2010
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Ich hätte gern ein T-Shirt, auf dem steht: „Ich wurde mit Nadeln penetriert, vermessen und verstrahlt…“ und auf dessen Rückseite zu lesen ist „… und habe dafür auch noch bezahlt.“ – Ob es sich bei dieser Trophäe dann um zur Schaustellung idiotischen Heldenmutes oder heldenmutiger Idiotie handelt, sei dem Leser selbst überlassen.

Es beginnt damit, dass der Bus, welcher uns am Montag Morgen deportieren soll Verspätung hat. Über die obskuren Wege, über die an diesem Ort Informationen laufen, hat sich immerhin das Gerücht verbreitet, die Abfahrt würde eine halbe Stunde später erfolgen, wir warten somit nicht ins Blaue hinein. Wir, das sind neben meiner Person noch alle neuen Franzosen, der Spanier und ganz, ganz viele Chinesen. Alles in allem so viele, dass eine Auswahl Glücklicher den Transport über mit Stehplätzen im Gang Vorlieb nehmen muss. Mir bleibt das erspart und so nutze ich meine privilegierte Stellung um von meiner Nachbarschaft das zu sehen, was mir bei Reisen mit der U-Bahn (kann man mit der U-Bahn reisen? Ich finde schon, dass die 2 Stunden nach Seoul gut und gerne als Reise durchgehen – immerhin ist man zum Beispiel aus Chemnitz weit fixer in Leipzig oder Dresden) sonst verborgen bleibt. So viel Platz nur vollgestellt mit Immobiliengerümpel und trotzdem ziehen sie es vor neues Land aufzuschütten, anstatt das alte platzsparend zu bebauen. Ich möchte ja gerne glauben, dass man die Möglichkeit eines steigenden Meeresspiegels bereits mit einbezogen hat, nur kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass Stadtplanung hier eher nach italienischem Vorbild erfolgt und Geld weitaus bestimmender ist als gesunder Menschenverstand.

Der Versuch sich die Strecke einzuprägen scheitert kläglich und nach einer Stunde Fahrt erreichen wir, unwissend unseres genauen Aufenthaltsortes, das Krankenhaus. Da das hier kein normaler Arztbesuch ist sondern mehr ein Behördengang hält man uns zunächst zum Warten, dann zum Ausfüllen von Formularen, die wir nicht lesen können, dann wieder zum Warten, dann umgerechnet ca. 22 Euro zu Blechen und dann erneut zu Warten an. Langsam geht es auf Zwölf zu und wir haben alle noch nichts gegessen, da von uns ein Erscheinen im nüchternen Zustand verlangt wurde. Irgendwann dürfen wir doch noch Schlange stehen. Das eigentliche Arztgespräch ist besonders lächerlich, einfach beharrlich den Kopf schütteln und egal was die Frage ist, immer verneinen. Nein, alles nie gehabt und nie genommen. Nebenan nimmt ein anderer Weißkittel Blutproben im Minutentakt, aber vorher drückt man mit noch einen kleinen Pappbecher in die Hand. Der ist leer und ich soll auch nicht daraus trinken. Spätestens jetzt fangen die Ersten meiner Begleiter an zu zittern, in nebliger Erinnerung daran, was sie sich daheim noch alles einverleibt haben. Final schenke ich ihnen noch eine Aufnahme der Innereien meines Brustkorbs.

Im Krankenhaus etwas Essbares zu Erjagen zu wollen stellt sich als nicht machbar heraus, bevor uns der Bus wieder alle aufliest und wir die Rückreise ins Wohnheim antreten. Aus dem Regen in die Traufe könnte man sagen, wenn man sich das abstruse Regelgerüst anschaut mit dem ein von Unfähigkeit geschlagenes Personal versucht Herr über die Verschlagsbewohner zu werden. Ich will euch jedoch von meinem verbitterten Gezeter verschonen, bin ich doch zum einen den Regeln noch nicht zum Opfer gefallen und will ich euch doch bald ohne weitere Worte jenes Moralkorsett präsentieren, vor dem selbst katholische Mädchenschulen mit Ehrfurcht zurückweichen.


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Teil VIII – To Paris with love

März 11, 2010
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An meinem Geburtstag gab es noch ein ganz besonderes Geschenk, mit dem ich wahrlich nicht gerechnet hätte. Am Freitag kam hier Leben in die Bude, als auf einen Schlag eine Gruppe von neun Franzosen im Wohnheim Quartier bezog. Und das mir. Dem frankophilsten aller Kinder unter der Sonne. Nun gut, selbst die Zeiten meiner persönlichen Ressitements gegenüber diesem Land, oder vielmehr seiner Sprache sind nunmehr bereits eine Weile vorüber, doch dass ich nun in Korea final einen Grund finde, auch ohne Ketten unser Nachbarland zu besuchen, erscheint mir schon eine seltsame Fügung des Schicksals. Oder auch einfach nur konsequent, geht doch die Idee meines Besuches hier auf meine Bekanntschaften in Great Britain zurück. Ach, wie klein ist Welt.

Freitag brachte auch meinen ersten Besuch eines koreanischen Kinos, dass sich allein im Ausmaß der gegebenen Beinfreiheit von den deutschen unterscheidet. Es gab Tim Burtons Interpretation von Alice im Wunderland zu sehen und leider blieb bei mir als großes Plus lediglich der englische Akzent der echten Schauspieler hängen. Im Gesamteindruck handelt es sich um die lieblose Effekt- und Aktionversion einer einstmals ganz zauberhaften Geschichte, die zu allem Überdruss auch noch ohne eine spannenden oder auch nur im Versuch wendungsreichen Plot auskommt.

Der Depp machte natürlich trotzallem eine gute Figur

Chronicles of Narnia meets Wonderland – Sleepy Hollow wäre mir als Sparring Partner lieber gewesen.

Sowie ich jedoch von diesem Ausflug nach Hollywood zurückkehrte, saß in der Wohnheimlobby eine Ansammlung ganz und gar nicht asiatisch dreinschauender Zeitgenossen. Noch nicht einmal Inder oder Araber (die ja, wenn man es genau nimmt auch Asiaten sind) derer wir hier auch einige haben (und zu denen ein gewisses Ghettoverhältnis besteht – die Europäer bleiben unter sich, die Inder bleiben unter sich und die Chinesen vermutlich auch… sollte man dringend ändern!). Die Neun waren/sind Studenten der Wassertechnik/Hydraulik aus Nizza und ganz frisch vom Flughafen in unsere luxuriösen Unterkünfte eingekehrt. Selbst leicht überwältigt von der hohen Anzahl vertrauter Gesichtszüge, habe ich sie direkt mit Fragen überfallen. Im Gegenzug konnte ich mich mit einigen Auskünften revanchieren, darüber was es gibt, was geht und was nicht. Da auch ihre Uni nicht zum ersten Mal Studenten nach Incheon entsandt hat, konnte sie mir leider bestätigen, was mir Philipp bereits erzählt hat. Der ab Montag anlaufenden Sprachkurs wird ungünstigerweise von einer Lehrkraft gehalten, die des Englischen nicht mächtig ist. Es bleibt also spannend.

Am nächsten Tag war es ursprünglich geplant mit Hana Eierkuchen zu fertigen, um sich dann auf Incheon zu stürzen. Sie hat sich allerdings krank gemeldet und so endete ich stattdessen als Fremdenführer auf den ersten Schritten in einer neuen Welt. Die Hälfte der Franzosen entschied sich jedoch als ihr erstes echtes koreanisches Mahl einen Bic Mac zu ordern. Urteil: Kein Unterschied zur Heimat. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass auch ich, entgegen besserer Vorsätze, bereits bei McDonalds eingekehrt bin, wobei den Bulgagi-Burger, den ich dort gespeist, wird man in Europa vergebens suchen. Was eigentlich schade ist, da diese koreanische Art Fleisch zu grillen mir besser schmeckt, als die normale Fast-Food Variante.

Der Burger war gewissermaßen der Schlusspunkt eines amüsanten Abends in einer erstaunlich britischen Bar im Zentrum von Incheon. Fatima kommt zwar auch aus Frankreich, lebt allerdings schon seit Anfang Dezember hier und kennt daher schon das ein oder andere interessante Fleckchen in der Stadt. Der Kontakt zu ihr und auch zu Fouad, seines Zeichens ebenfalls Franzose, der bereits das vergangene Semester mit Philipp hier verbracht hat, kam erstaunlicher erst über ihre Landsleute zustande. Mag es daran liegen, dass nationale Grenzen auch am anderen Ende der Welt noch erste Hürden setzen?

Den Regeln der Internierungsanstalt für entrechtete Studenten Süd-Koreas gedankt, endete der Abend früh, da eine Rückkehr nach Mitternacht… unerwünscht ist. Fünf Uhr Morgens öffnen sich die Pforten unseres trauten Heims zwar wieder, aber für einen ausgedehnten Trip durch die Nacht waren dann doch die wenigsten zu haben. Ich auch nicht unbedingt, hatte ich mir genau diesen Spaß erst zwei Nächte zuvor erlaubt, als mir Philipp einen kleinen Ausschnitt des Nachtlebens von Seoul zeigte. Erkenntnis: Soju, zwanzig prozentiger Reisschnaps, ist lecker – zu lecker wenn es nach meinem Kopf und meinem Magen am darauffolgenden Magen ginge. („I like Soju, bzt Soju doesn’t like me“ – wer errät auch welches Filmzitat ich mich beziehe kriegt ein Bienchen)

Aus diesem Grund kam mir die Zurückhaltung am Samstagabend eher entgegen, aber gewiss möchte ich der Bar bald wieder einen Besuch abstatte, die mich bei meinem Eintreten so lieblich mit den Klängen von E-Gitarren empfangen hat. Eine Erlösung von dem hier so allgegenwärtigen K-Pop Gedudel. Welcher Musikrichtung die meisten meiner Begleiter jedoch ihr Herz verschrieben haben, war unschwer am zufriedenen Nicken ihrer Köpfe zu erkennen, als die Jukebox für kurze Zeit auf bassbeflügelte Sprechgesänge umschwang. Die selbe Jukebox übrigens, die auch Manson spielen kann.


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Wir unterbrechen das reguläre Programm…

März 5, 2010
7 Kommentare

… für eine wichtige Mitteilung. 🙂

(aufgrund von Copyright infragments, kann ich hier leider kein Youtube-Video zeigen… dafür also ein Link:)

Die Prinzen – Heute ha ha habe ich Geburtstag

… das Lied wollte ich schon lang mal anbringen. *har*


Veröffentlicht in Kino & Film

Teil VII – Orientierungslos

März 4, 2010
1 Kommentar

Gestern war ich zum ersten Mal verwirrt. Da hat der Foreign Students Orientation Day ja genau seine Aufgabe erfüllt. Gut, dass ich nicht wusste, wo das Event steigen sollte, muss ich mir wohl (mal wieder) auf die eigene Kappe schreiben. Im Office for International Affairs ist man aber als Nicht-Koreaner niemals wirklich falsch – und so fanden wir mit bestimmt satten 15 Minuten Verspätung (not my fault!) unseren Weg zur kleinen Aula.

Zum Thema Verspätung hier ein kurzes Wort: Ich liebe dieses Land. Gestern allein habe ich erst 10 Minuten auf Minki in der Wohnheim Lobby gewartet und dann noch einmal min. 15 auf Miss. Kim im OfIA bis sie endlich zum Abmarsch bereit war – in diesem Land kann ich als pünktlich gelten! Was ein erhabenes Gefühl.

Welch ein Glück Minki an meiner Seite zu wissen, denn den kompletten Zirkus, der sich in der kommenden Stunde vor unseren Augen abspielte, hielt man vollständig auf Koreanisch ab. Als Chinese hätte man noch eine Chance gehabt, da für sie noch teilweise übersetzen ließ. Von den spannenden Begrüßungsworten über die Regeln des Wohnheims (Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine warmen Mahlzeiten im Zimmer, kein Sex, keine Besucher des anderen Geschlechts und um 12 geht das Licht aus – was für Spaßbremsen, ich sage es euch) bis zu den mahnenden Worten der Polizeidirektion Incheon (Kinder: Nicht besoffen Auto fahren!) bekam ich also nur bruchstückhaft etwas mit – viel Wichtiges kann aber nicht gesagt worden sein, Minki hielt wenig für übersetzenswert. Als besonders erheiternd empfand ich den universitätseigenen Propagandafilm (ich glaube Neudeutsch heißt das „Werbung“…), bei dessen Konsum ich mich stetig fragte, warum sie uns das noch zeigen? Wir sind doch schon hier und gerade für uns gibt es zunächst keinen Weg zurück. Wir laufen schon nicht weg, nicht sofort zumindest.

So habe ich also (mal wieder) erfahren, an was für einem vorzüglichen Campus ich die Ehre haben werde, das nächste halbe Jahr zu studieren. Schick sieht er ja schon aus, perfekt neue Gebäude, Multimedia und moderne Technologie an jeder Ecke und das unterirdische Parkhaus ist sicher auch sehr praktisch – von Autos und Verkehr merkt man jedenfalls nichts. Auch das Freizeitangebot kann sich sehen lassen, dutzende Sportmöglichkeiten, von der einfachen Sporthalle, über den Fitnessraum im Wohnheim über einen eigene Schwimmhalle und sogar einer Golfanlage (und für alle denen das noch nicht reicht ist gleich nebenan der größte Golfplatz der Stadt). Wer sich hier umschaut, kann leicht beginnen grundsätzlichen Gefallen an Studiengebühren zu finden. Aber natürlich ist nicht alles Gold das glänzt.

Meine erste richtige Vorlesung fiel eher ernüchternd aus. Gut, dass alle, die Dozentin mit eingeschlossen, es vorziehen würden sich auf Koreanisch zu unterhalten, wenn der blöde Ausländer nicht wäre, kann man ihnen noch nachsehen. Tatsächlich beschleicht mich der Eindruck, man würde mehr als doppelt so viel Stoff vermitteln, wäre man nicht an das Englische gebunden. Bei Beantwortung einer gegen Stundenende gestellten Frage, legte sie jedenfalls in ihrer Muttersprache ein Tempo an den Tag, in heftigem Kontrast zu dem schleppenden, von vielen „ähs“ durchzogenen und sich häufig im Kreis drehenden Vortrag der vorangegangenen Stunde.

Wäre nun der Inhalt stimmig, erhellend und intelligent gestaltet, keine Kritik würde über meine Lippen kommen. Leider ist aber unser Lehrmaterial hoffnungslos veraltet. Das Beispiel in der Einleitung bezog sich auf den Irak-Krieg… den ersten Irak-Krieg! Das Ding ist so alt, es befindet sich schon längst nicht mehr im Druck, weswegen es uns kopiert wird. Seine Begründung findet dieses Alter in der Unfähigkeit/dem Unwillen der Dozentin einen gleichwertigen, aktuellen Ersatz zu finden – nein nicht über Rosenzucht im Buthan sondern über amerikanische Wirtschaftspolitik! Gut, das könnte man verstehen, so denn der Inhalt von einem exzeptionell kritischen Geist verfasst worden wäre, aber in diesem Machwerk findet sich nur der gleiche gequirrlte Quark, der seit Jahrzehnten die Wirtschaftlehre verpestet. (In dem was nun folgt, spiegelt sich meine Indoktrination durch einen gewissen F. Helmedag wieder) Das geht bei dem Versuch los, ein Bild davon zu entwerfen, worin eigentlich der Gegenstand dieser Wissenschaft ist. Da die Autoren die beliebteste Definition von „der optimalen Disposition über knappe Mittel“ als zu wenig greifbar bei Seite schieben, greift man auf eine Aussage Alfred Marshalls zurück, der „economics“ als „study of mankind in the ordinary buisness of life“ beschrieb. Wenn dem so ist, dann sei mir die Frage erlaubt: Was machen Ökonomen nicht?

Nach diesem misslungenen Start wurde es bei dem Versuch, sich ein theoretisches Fundament zu erarbeiten auch nicht besser. Es ist schon erstaunlich, da befindet man sich tausenden Kilometer von zuhause, auf der anderen Seite des Erdballs und man füttert die Leute hier mit dem gleichen Schwachsinn, den auch in Europa schon Generationen von Studenten ihren Professoren bei Prüfungen vor die Schuhe kotzen durften. (Vielleicht sollte ich einen extra Blog eröffnen: Peter’s rant about stupidity in economics 😉 ).

Ein Beweis überragenden Organisationstalentes wurde mir ein letztes Mal gestern Abend geboten, als man bereits mitten in der Nacht beschloss die Internatsbewohner darauf hinzuweisen (ihr erinnert euch, mein Zimmer spricht mit mir), dass man sich noch darauf ersonnen hätte, rasch die Essensmarken für die kommende Woche auszugeben.

Da kann es außen noch so schön blinken und glitzern, wenn im Inneren die Kompetenz fehlt, hat man mit dem hübschesten Campus auch nichts gewonnen.


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Teil VI – Hauptbahnhof… bitte alles auf Durchzug schalten

März 2, 2010
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Jetzt geht’s los! Am heutigen Tage erlebte ich meine erste koreanische Vorlesung – aus der ich bestimmt sogar zwei Dutzend Worte verstanden habe! Wendungen wie „case study“ oder „final paper“ konnte ich erfolgreich aus dem Redeschwall der Dozentin herausfiltern. Aber alles der Reihe nach.

Pünktlich, also weder als Letzter und sogar wenige Minuten vor der angesetzten Zeit gelang es mir den richtigen Raum zu finden. Dass ich dafür zunächst in die dritte Etage musste um den Gebäudeteil zu wechseln, um dann wieder hinab in die Zweite zu steigen, sei nur am Rande erwähnt. Im Klassenzimmer, denn nicht anders empfand ich die Einrichtung auf den ersten Blick und allein das große Holzpult an der Stirnseite konnte diesen Eindruck trüben, blickte mir eine erstauntes halbes Dutzend Studenten entgegen, von den ganz klar niemand erwartete mich zu sehen. Einen Platz gefunden und den jungen Herren vor mir gefragt, ob ich denn im rechten Raum säße. Das konnte er mir bestätigen, zeigte sich allerdings ob meiner Anwesenheit verwirrt, sprach ich doch ganz eindeutig nicht seine Sprache. Meine Annahme, dass der Kurs in Englisch sei, schien alle Anwesenden zu überraschen und ich fürchtete schon, mein eh bereits überschaubarer Stundenplan könnte noch weiter zusammenschmelzen.

Denn neben den 16 Stunden, die man damit zubringen wird mir die koreanische Sprache einzubleuen, findet sich lediglich Zeit für zwei weitere Kurse, die wenigstens entfernt in meiner Interessensphäre lägen: US Economics und European Trade, jeweils 3 Stunden die Woche… alle Mittwochs. Im Endeffekt wird dies für mich bedeuten an diesem Tag morgens um 9 loszulegen und gegen 18 Uhr fertig zu sein – auch mit den Nerven, denn bis dahin ohne nennenswerte Pause. Manch ein (Nicht-)Student wird sagen, endlich ein normaler Tag für diesen Mann. Die restliche Zeit soll allerdings keinesfalls gefaulenzt werden, gibt es doch schließlich Hausarbeiten zu schreiben und Sprachen zu erlernen (jaha mehrere, baumelt doch fürderhin das Damoklesschwert einer russisch Prüfung über meinem Haupt).

Meine Befürchtungen über ein zukünftiges Verständnisproblem meinerseits der Dozentin gegenüber zerstreuten sich jedoch glücklicherweise bei ihrem Eintreten, das mit der Begrüßung der „Klasse“ auf Englisch einher ging. Ja die Vorlesung würde auf Englisch gehalten. Dennoch verstand ich zunächst einmal nur Hauptbahnhof. Denn wie es sich mit ersten Stunden überall auf der Welt verhält, diente auch diese zunächst allein der Einstimmung auf das kommende Semester – in Koreanisch versteht sich. In meiner Hilflosigkeit stand mir allerdings ein neuer Freund zur Seite. Yoon, Student der Koreanisch-Russischen Handelsbeziehungen, bot mir den freien Platz neben sich an und übersetze simultan die wichtigsten Ansagen vom Dozentenpult. Ein echt netter Kerl mit dem ich hoffentlich noch einiges mehr Zeit verbringen werde, vielleicht auch hier im Wohnheim, wo auch er (wie eigentlich alle?) unterkommt. In diesem Zusammenhang wurde auch beschlossen, die eine Dienstagsstunde auf den Mittwoch zu verlegen und so den gesamten Kurs zu einem Block zusammen zu ziehen.. Halleluja!

Des Weiteren fand ich mich in einem kurzen Höhenflug der Vorfreude wieder, der leider in einer nicht völlig rosigen Landung endete. Ich habe nämlich Schwarzbrot gefunden! … nun gut vermeintliches Schwarzbrot. Endlich wieder mit Bargeld bewaffnet, fand ich mich auf der neu am Campus eröffneten bakery „Grazies“ ein um dort zu meinem Entzücken dunkles (!!!) Brot zu entdecken – ein seltenes Privileg außerhalb deutscher Landen. Also ordentlich was eingesackt (es gab unterschiedliche Exemplare) und zum Festessen mit Heimatgefühlen aufs Zimmer geeilt. Doch oh-weh schon die Ouvertüre in Form eines in Kräuteröl/butter gebratenen Baguettes bringt erste Ernüchterung: Ich halte ein süßes Gebäck in Händen! Die dunklen Brotfladen entpuppen sich auch sehr schnell als eher kuchenähnliche Gebilde mit einer Fruchtfüllung, von denen eines sogar innen rosa ist. *schauder*

Nachdem ich gestern das erste Abendessen im Wohnheim verpasst habe, ging ich mit dem wenigen Bargeld was vom Vormonat noch verblieben auf die Jagd nach einer alternativen Nachrungsquelle. Der örtliche 7Eleven, eine Mischung aus Kiosk und kleinem Supermarkt, ein Tante-Emma-Laden als Filialen-Kette quasi, bietet leider hauptsächlich Süßwaren, süßes Gebäck sowie Instant-Gerichte an, deren Inhalt und Zubereitung mir jedoch weiterhin ein Rätsel sind. Allerdings gibt es dort auch eine Sorte Brot, oder das was sie hierzulande für Brot halten und dem hätte ich mich genügsam gefügt – hätte es nicht 1800 Won gekostet, während sich in meinen Taschen lediglich 1790 Won zusammenkratzen ließen – Halleluja – Murphy ich mag dich. Aber jetzt bin ich ja wieder flüssig!


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